Das Land der (un-)begrenzten Möglichkeiten

Luis Haußmann studiert im Bereich der Vermessung an der Hochschule für Technik in Stuttgart. Sein Praxissemester führte ihn in das Land der (un-)begrenzten Möglichkeiten. Genauer gesagt nach San Rafael, ca. 25 km nordwestlich von San Francisco.
Der DVW Baden-Württemberg e.V. unterstützte den lehrreichen Auslandsaufenthalt.

Bericht

Der Geruch von salzigem Wasser und Zitrusfrüchten, einen sonnigen Strand, Countrymusik in den Ohren – so stellt man sich das amerikanische Leben in Kalifornien vor. Und so war es auch. Aber in meinem Fall leider nur für knapp zwei Monate.

Mein Praxissemester, welches Bestandteil des Studiums im Bereich der Vermessung an der Hochschule für Technik in Stuttgart ist, wollte ich im Ausland verbringen. Ein Mitarbeiter des Ingenieurbüros Keuerleber empfahl mir bei einem Gespräch diesbezüglich das Büro Meridian Surveying in San Francisco. Bei einem Blick auf deren Homepage fielen mir direkt einige Aufgabenfelder der Vermessung ins Auge, zu welchen ich bisher noch keine Berührungspunkte hatte und die mich sehr interessierten. So zum Beispiel hydrografische Vermessungen sowie das Messen mit Drohnen.
Nach der erfolgreichen Bewerbung setzte mich der Firmenleiter – aufgrund der Wohnungsnot und der exorbitanten Mietpreise in San Francisco – am firmeneigenen Standort San Rafael ein. Diese Stadt liegt 25 Kilometer nordwestlich von San Francisco.

Schon beim Hinflug ist mir nach sechs Stunden über amerikanischem Boden klar geworden, wie groß dieses Land ist. Angekommen in San Rafael fühlte ich mich wie in einem amerikanischen Film: große Pickups, deren Motorhauben mir bis zur Brust gingen, riesige Einkaufsläden wie Costco, in denen man alles im XXL-Pack bekam, BBQ-Restaurants an den Straßenecken, eine autogroße USA-Flagge, die im Meereswind neben dem Freeway wehte, zweispurige Straßen in Wohnsiedlungen oder Autobahnen, die in eine Richtung sechsspurig verliefen. Alles, wie man es aus den meisten US-Filmen kennt.
Sehr überrascht haben mich die riesigen Naturflächen, die an San Rafael angrenzen. Wie etwa der 613 ha große China Camp State Park, der auch für mein Hobby – Cross Country (Mountainbiking) – ideale Bedienungen bot. Dieser lag am anderen Ende von San Rafael und war somit schnell zu erreichen. Von den Einheimischen lies ich mir erklären, dass sich die hügelige Landschaft aufgrund des trockenen Klimas ab Mitte April von grün zu braungelb färbt. Dies konnte ich allerdings nicht mehr mit eigenen Augen sehen.

Auch von der Arbeit im Vermessungsbüro Meridian Surveying habe ich viele bleibende Eindrücke gewonnen. Zum Vermessen fuhren wir – natürlich stilecht – mit einem Pickup oder einem Van. Viele Aufträge führten uns dabei nach San Francisco.     
So hatte die Stadtverwaltung das Ziel, die Straßenübergänge (Curb Ramps) behindertengerecht mit abgesenktem Bordstein für Rollstuhlfahrer und genoppten Platten für Sehbehinderte umzugestalten. Vor und nach jedem Umbau musste der Übergang neu vermessen werden. Die Vermessungen erfolgten in einem örtlichen Bezugssystem. Als Referenz für die Höhe diente meistens ein Feuerhydrant, den es an jeder größeren Kreuzung gibt. Stationiert wurde über einem bekannten Punkt und mit einer Richtung, die mit dem Kompass bestimmt wurde.

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Vermessung der Curb Ramps

Ein Highlight des Außendienstes in San Francisco war jedoch immer das Überqueren der Golden Gate Bridge. Die gewaltigen Pfeiler ragten an nebligen Tagen über den Wolken und wurden von der Morgensonne angestrahlt. Bilder, die ich in meinem Leben nicht mehr vergessen werde.

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Die Golden Gate Bridge in der Morgensonne

An den Wochenenden konnte ich die Leichtigkeit des amerikanischen Lebens genießen. Bei Burger und Countrymusik kam ich mit vielen aufgeschlossenen Leuten schnell ins Gespräch und erfreute mich dabei an den kräftigen Sonnenstahlen, die einem schon im März Sommergefühle verliehen.
Doch der Montagabend des 16. März veränderte alles. Über Nacht wurde in der Bay-Area aufgrund von COVID-19 der komplette Shutdown bis zum 7. April ausgerufen. Das hieß in meinem Fall, dass für drei Wochen keine Arbeit möglich sein würde. Nach langen Gesprächen mit meiner Austauchorganisation für Studierende und dem Standortleiter des Vermessungsbüros entschied ich abzuwarten, mit der Hoffnung, ab April wieder arbeiten zu können.
Doch das Land der (un-)begrenzten Möglichkeiten wurde Ende März zum Land ohne Perspektive auf Arbeit. Der Shutdown wurde bis Anfang Mai verlängert. Schweren Herzens, nach vielen Telefonaten und E-Mails mit der Hochschule und dem Auswärtigen Amt, beschloss ich das Praxissemester in den USA abzubrechen und in Deutschland beim Ingenieurbüro Keuerleber weiterzuführen. Für dessen Spontanität bin ich sehr dankbar.

Zusammenfassend bin ich sehr glücklich, dass ich die Chance, hatte in den USA zu arbeiten, neue nette Kollegen kennenzulernen und weitere Erfahrungen im Bereich der Vermessung zu sammeln.
Für die finanzielle Unterstützung meines Auslandsaufenthalts möchte ich mich herzlich beim DVW Baden-Württemberg e.V. bedanken.

Text und Bilder: © Luis Haußmann
Bericht  

 

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